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The Cindy Sherman Effect: Let´s play

Unter dem Titel „The Cindy Sherman Effect“ zeigt das Bankaustria Kunstforum bis Juni 2020 eine umfassende Zusammenstellung von Arbeiten Cindy Shermans und 21 jüngeren nachfolgenden Künstlerinnen (1). Deren Arbeiten sind, so die Hypothese der Kuratorin Bettina M. Busse, von den künstlerischen Ergebnissen Cindy Shermans inspiriert.

In der Ausstellung sind mehrere Arbeiten aus Shermans Serie „Untitled Film Stills (1977 bis 1980) zu sehen, in denen die Künstlerin das Ambiente von Filmsets inszeniert und Klischees oder Typologien von Frauenleben gekonnt mit Perücke und Make-up in Szene setzt. Es ist die Kunstfertigkeit der Verwandlung, die Shermans Arbeit so einzigartig macht. Die von ihr geschaffenen Szenerien, die man als Betrachter*in oft zu kennen glaubt, vermitteln meist ein Gefühl von Unbehagen. In diesen Arbeiten und späteren wie „Untitled#167“ von 1986 tritt Cindy Sherman völlig hinter der Kunstfigur zurück. Sie selbst ist als Person nicht mehr erkennbar. Die Künstlerin wahrte eine spürbare Distanz zwischen Person und Werk, die sich unter anderem auch darin zeigte, dass es jahrelang keine veröffentlichten privaten Aufnahmen von Cindy Sherman gab.

Ganz anders agieren manche Künstler*innen der nachfolgenden Generation. So ist bei Catherine Opie, die im LGTB (Lesbian, Gay, Transgender, Bisexual) Milieu von Los Angeles fotografiert, das Spielen mit unterschiedlichen sexuellen Rollenbildern stark spürbar. Frisur, Kleidung, Bart und Pose manchmal auch eine Farbgebung oder Farbfilter unterstreichen die Ambiguität der eingenommen Rolle.

Eine härtere politische Botschaft in dieser Ausstellung wohnt Arbeiten von afrikanischen Künstler*nnen inne, die nicht nur ihre Ausgrenzung als LGTB in Afrika thematisieren. Darüber hinaus legt sich der Rassismus der weißen Welt wie eine weitere Folie der Diskriminierung über ihre Community. Besonders deutlich ist das bei Zanele Muholi, die in Johannesburg lebt und bei der letztjährigen Biennale di Venezia ihre Arbeiten zeigte. Hier in Wien sind ältere Fotos aus 2003 bis 2005 zu sehen. In der Serie „Only Half the Picture“ wird u.a. schwarze Frau gezeigt, die sich einen weißen Dildo umschnallt. Drastischer kann man Herrschaftsverhältnisse kaum thematisieren. Zugleich wohnt dieser Arbeit auch eine Art Selbstermächtigung inne, ähnlich wie jenem Foto von Lynda Benglis, auf dem sie mit Riesendildo im Artforum 1974 zu sehen war.

Um Selbstermächtigung geht es auch in einem kurzen Videoloop von 1997, den die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist zeigt. Darin schwingt eine junge Frau im Sommerkleidchen und roten Schuhen lachend einen künstlichen Blumenstängel und schlägt damit krachend die Scheiben von parkenden Autos ein. Dabei wird sie von einer Politesse freundlich gegrüßt.

 Es ist diese lustvolle Aneignung herrschender patriachaler Terrains, die so beeindruckend ist und für europäische und nordamerikanische KünstlerInnen leichter möglich scheint.

Neben der Künstlerin Muholi sei der westafrikanische Fotograf Samuel Fosso erwähnt, der schon nach einer kurzen Einführung in die Fotografie mit 13 Jahren sein eigenes Fotostudio eröffnete. Tagsüber fotografierte er Kunden, des Nachts posierte er selbst vor der Kamera. Fosso experimentierte in diesen sehr gekonnten Selbstporträts in den Rollen eines Malcom X, Martin Luther King, Patrice Lumumba u.a. Auch hier handelt es sich um eine Art Selbstvergewisserung innerhalb einer panafrikanischen Bewegung. Fosso lebt heute in Westafrika und in Paris.

Gewalt noch etwas direkter darzustellen gelingt dem Briten Gavin Turk indem der Tonköpfe, die er wie Bronzearbeiten aussehen lässt, deformiert. Wie von Tritten traktiert wirken die beschädigten „Bronzetten“. Auch Douglas Gordon verfremdet Fotografien von Hollywood Stars so gewalttätig, dass er Augen und Gesichtsteile heraus brennt und auf Spiegel aufzieht. So könnte der Betrachter durch die Brandnarben hindurch sehen und selbst zu einem zerstörten „Richard Burton“ werden.

Gegen Ende des Rundgangs stellt sich die Frage ob es tatsächlich einen sogenannten „Cindy Sherman Effekt“ gibt. Zweifelsohne ist die Pionierleistung Shermans mittels Verwandlung und den Mitteln des Trash gesellschaftliche Untiefen darzustellen nicht gering zu schätzen. Die jüngere Generation, die das Spiel mit Identitäten schätzt, hat oft andere künstlerische Motive und Beweggründe. Trotzdem ist eine interessante Gegenüberstellung im Kunstforum gelungen.

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(1) Einzig und allein die französische Künstlerin Sophie Calle ist 1953 geboren (und damit ein Jahr älter als Cindy Sherman) und mit einem Medizinschrank voller Geburtstagsgeschenke in der Ausstellung vertreten.

The Cindy Sherman Effect
29.01 - 21.06.2020

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