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Herwig Zens 1943 - 2019

Herwig Zens gehörte zu jenen Künstlern in Österreich, die in vielfacher Weise die Kunstszene bereichert haben. 1943 in Himberg in NÖ geboren, studierte er ab 1961 Malerei an der Akademie am Schillerplatz, machte aber auch die Lehramtsprüfung und studierte Geschichte. Er war Lehrer an Gymnasien und ab 1987 Professor an der Akademie, die ihn einst ausgebildet hatte. Zahllose Studierende waren seine Schüler und sein manchmal grimmiger Humor mag so manchen erst daran gemahnt haben, dass Kunst nicht ohne Bildung geht, die für Zens geistige Voraussetzung war. Auch vermittelte er, dass Kunst nicht von Können kommt (obwohl Können nicht schadet!), sondern von dem Nietzsche Wort „du musst“. Er hat in seinem eigenen Leben diese Devise gelebt und er verwies nicht zuletzt darauf, dass Kunst auch eine gesellschaftliche und damit auch eine politische Aufgabe hat. Er hat seinen Schülern, aber auch in seinen Ausstellungen deutlich gemacht, dass der Künstler nicht nur die Kraft zum Schöpferischen braucht, sondern auch die Kraft sich der Öffentlichkeit zu stellen. Künstler sein, aber auch Lehrer sein, heisst das Geheimnis zu vermitteln, das allemal in der Erkenntnis von Bild und Abbildung besteht. Und dass sich in tausenden von Jahren nicht geändert hat.

Seit 1977 führte Herwig Zens ein grafisches Tagebuch, das inzwischen sicher die „längste Radierung der Welt“ geworden ist. Am Anfang notierte er auf Kupferabfallstücken nur Daten, dann kamen Zeichnungen dazu, und schliesslich auch kurze Texte als Erinnerung an Begebnisse des Tages. Aber neben diesem „Tagebuch“ sind Radierungen verschiedenster Themen und Inhalte entstanden, die ihm den Meistertitel des Radierers eingebracht haben, oder, wie er selbst bissig bemerkt, „ich bin halt in die Grafik Schublade gesteckt worden.“ Macht nichts, er ist ja auch inzwischen als Maler geschätzt und man erkennt den hohen Grad gerade auch seiner malerischen Kunst.

Die Themen die Zens bearbeitete umfassen unsere ganze Existenz: die Natur, die Stadt, den Menschen und den Tod. Er spannte einen grossen Bogen aus der Vergangenheit zur Gegenwart, und zur Geschichte der Menschheit, wie sie sich in der Kunst manifestiert. Das hat zu den Paraphrasen, vor allem über Velasquez und den späten Arbeiten von Goya geführt. Aber auch zu literarischen Paraphrasen, über Don Quichotte und Sancho Pansa beispielsweise und über Musik, wie die Winterreise von Franz Schubert. Sind die Städtebilder und Landschaften eher Impressionen und Erinnerungen – Zens malte nie vor der Natur, dort wird nur gezeichnet, radiert und gemalt wird später im Atelier – so sind die Paraphrasen, aber auch die Portraits längst verstorbener Persönlichkeiten, Imaginationen. Will er im Fall von Velasquez und Goya das Geheimnis ihrer Malerei, so will er bei den Portraits von Dichtern und Musikern den Menschen hinter der Kunst entdecken, wer war Jacques Offenbach, wer Johann Strauss, wer Johannes Brahms, aber auch Erich Mühsam, Heinrich Mann oder Hugo Distler. Es sind Imaginationen, die sich aus dem lexikalischen Wissen, aus Briefen und Zeitzeugnissen, aber vor allem aus dem Werk der Portraitierten zusammensetzen. Auch wenn Zens grosse Worte nicht liebte und sie in seinem Sprachschatz nicht vorkamen, so möchte ich doch behaupten: er will die Wahrheit hinter den Dingen erkennen und sie auf seine Weise interpretieren. So entstand nicht nur eine neue Sicht – Ein-sicht, Durch-sicht, Über-sicht - á la Zens, sondern tatsächlich eine neue Erkenntnis. Das ist so bei den Paraphrasen, wie bei den Portraits, aber auch bei seinen Bildern zu Schuberts Winterreise, wobei er nie kommentiert, sondern in die geistige, formale und technische Welt der Grossen der Kunst Einschau hält, die Person und ihr Werk neu sieht, und sie in veränderter Form wieder und aktuell zur Diskussion stellt. Zens war experimentierfreudig, offen, neugierig und er ging den Dingen auf den Grund. So skizzenhaft seine Bilder oft sein mögen, so tief ist er doch in die Materie eingedrungen, man muss nur hinschauen und den Weg erkennen, den er gegangen ist, vom Erlebnis über die Zeichnung bis zum scheinbar hingeworfenen Bild, in dem doch alles drin ist. Seine Beschäftigung mit der Kunstgeschichte gehört in dieselbe Kategorie: er will stets „dahinter“ schauen Die grossen Meister reizten ihn immer wieder hinter die „Mauer“ zu schauen, ihrer Kunst sozusagen einen Spiegel vorzuhalten, aber auch seine eigenen Kräfte daran zu messen. „Es ist etwas anderes, wenn ich mir ein Bild im Museum anschaue, oder wenn man sich das Bild mit dem eigenen Pinsel anschaut.“ Und Zens war überzeugt davon, dass, genauso wie kein Musiker an Bach, kein Maler an den wirklich Grossen der Malerei vorbeikommt und sich an ihnen messen muss, auf die eine oder andere Weise. „Das ist eine Frage der Intelligenz und der Fähigkeit sich selbst einzuschätzen“, meinte Zens dazu, so selbstsicher wie lapidar.

Die Beschäftigung mit dem Tod ist eine andere „Mauer“ die er durchbrechen wollte, geistig und menschlich, und er tat das natürlich mit seiner Kunst. Begonnen hat es mit einem bewegenden Erlebnis in Palermo: im 18. und 19. Jahrhundert haben sich wohlhabende Bürger nach einem alten spanischen Totenbrauch bestatten lassen. Männer, Frauen und Kinder stehen, sitzen, liegen oder hängen in endlosen Reihen – 8.000 sollen es sein. Hier traf Zens zum ersten Mal den Tod in seiner Ausweglosigkeit, aber auch in seiner südländischen Theatralik und Trivialität, die zum Tourismusspektakel wird. Nach seiner eigenen Todeserfahrung durch mehrere Herzinfarkte, wollte er sich nun auch künstlerisch dem Tod stellen und die Beschäftigung mit dem Tod liess ihn nicht mehr los. Und er war sicher, dass „meine ganze künstlerische Tätigkeit eine andere Dimension bekommen hat.“ Nach den Bildern zu den Toten in Palermo entstanden Bilder zum berühmten Basler Totentanz und auch andere Totentänze fanden immer wieder ihre Resonanz in seiner Arbeit.

Der Höhepunkt seiner Auseinandersetzung mit dem Tod ist sicherlich die Aussegnungshalle in Brunn am Gebirge. Hier ging es ihm darum, das Ineinandergreifen von Leben und Tod darzustellen und er verwendete dafür Zitate aus der Antike ebenso wie aus der Kunstgeschichte, aus religiösen und spirituellen Vorstellungen. Die Bilder sind ernst aber nicht düster, es gibt helle Farben, die darauf hinweisen, dass die Trauer um den Verstorbenen in die Hoffnung übergehen wird, dass auch der eigene Tod bevorsteht, dass er aber nicht böse ist, sondern gut, wie in dem Gedicht „Der Tod und das Mädchen“ von Matthias Claudius, das zu einem der berührendsten Lieder von Franz Schubert wurde: “Sollst sanft in meinen Armen schlafen“. Auch wenn Zens seine Bilderfolge als Ganzes sieht, so sind doch einzelne Elemente besonders eindrucksvoll und inhaltsschwer. Zum Beispiel das Kind, das durch den Spiegel kriecht und sich selbst erkennt, wobei diese Erkenntnis des Lebens bereits der erste Schritt zum Bewusstsein des Todes wird.

Sowie die Mauer ist auch der Spiegel für Herwig Zens überhaupt eine wichtige Metapher – hinter den Spiegel, hinter die Mauer schauen, immer neu und immer wieder. „Das Bild wird zum Spiegel, durch den du durchgehst und woanders wieder ankommst.“ Zens verstand es so, dass eigentlich alles eine Beschäftigung mit dem Tod ist. Da ist die Mauer, das Ende, das Undurchdringliche, aber nun mach etwas aus dieser Erkenntnis, das ist so mit den Bildern von den Toten von Palermo und den Totentänzen, aber auch mit Goya und Velasquez, mit Schubert, Cervantes oder dem eigenen Leben. Und letztlich, so meint er, haben auch seine Städte- und Landschaftsbilder, ja sogar sein Tagebuch, immer wieder mit dieser Mauer zu tun, die am Ende steht und die doch wieder der Anfang ist.

Herwig Zens starb am 24 September 2019 mit 76 Jahren.

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Abbildung: Herwig Zens bei der Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse 2011, Foto: Andy Wenzel / Bundeskanzleramt Österreich

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